In einer Welt, die nach mehr Gerechtigkeit und Gleichberechtigung strebt, bietet der Gender Equality Report 2025 der Europäischen Union einen kraftvollen Rückblick auf die Fortschritte und die fortbestehenden Herausforderungen. Herausgegeben von der Europäischen Kommission, hebt dieser umfassende Bericht die bedeutendsten legislativen, institutionellen und zivilgesellschaftlichen Initiativen hervor, die zwischen März 2024 und Februar 2025 in den EU-Mitgliedstaaten umgesetzt wurden. Trotz wichtiger Fortschritte enthält der Bericht eine ernüchternde Prognose: Bei gleichbleibendem Tempo könnte die vollständige Geschlechtergleichstellung noch sechs Jahrzehnte entfernt sein.
Gewalt, Stereotype und systemische Lücken: Eine anhaltende Realität
Im Zentrum des Berichts steht ein alarmierendes Problem: geschlechtsspezifische Gewalt (GBV) ist weiterhin weit verbreitet und tief verankert. Laut einer EU-weiten Umfrage aus dem Jahr 2024 hat jede dritte Frau im Erwachsenenalter körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt, jede fünfte war von häuslicher Gewalt betroffen. Als Reaktion darauf hat die EU die Richtlinie zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt verabschiedet – ein historischer legislativer Meilenstein, der einheitliche strafrechtliche Standards in den Mitgliedstaaten festlegt. Dazu zählen auch Cybergewalt, Nötigung und eine verstärkte Betonung der Zustimmung als zentralem Bestandteil sexueller Beziehungen.
Der EU-Ansatz bezieht auch Intersektionalität ein und erkennt an, dass Alter, ethnische Herkunft, Behinderung und sozioökonomischer Status geschlechtsspezifische Diskriminierung verstärken. Dennoch bleiben kulturelle Überzeugungen ein hartnäckiges Hindernis. Eurobarometer-Umfragen zeigen, dass fast ein Viertel der EU-Befragten es unattraktiv findet, wenn Frauen öffentlich starke Meinungen äußern – mit einem deutlichen Generationenunterschied: Junge Männer neigen eher als junge Frauen dazu, überholte Geschlechternormen zu unterstützen.
Geschlecht und Wirtschaft: Anhaltende Ungleichheiten
Es gibt auch positive Nachrichten – 2023 war das erste Jahr, in dem die Erwerbsbeteiligung von Frauen in der EU 70 % überschritt. Dennoch besteht eine geschlechtsspezifische Beschäftigungslücke von 10,2 Prozentpunkten, insbesondere bei Müttern sowie in Süd- und Osteuropa. Unbezahlte Pflegearbeit betrifft Frauen weiterhin unverhältnismäßig stark und zwingt fast ein Drittel der berufstätigen Mütter in Teilzeitarbeit, im Vergleich zu nur 5 % der Väter.
Migrantinnen stehen vor noch größeren Hürden. 2023 lag die Erwerbsbeteiligung von weiblichen Drittstaatsangehörigen um 20 Prozentpunkte unter der ihrer einheimischen Kolleginnen, und 43 % der hochqualifizierten nicht-europäischen Frauen arbeiteten in Jobs unter ihrem Qualifikationsniveau. Um diesen Ungleichheiten entgegenzuwirken, hat die EU Maßnahmen wie subventionierte Kinderbetreuung, gerechtere Elternzeiten und Programme zur Arbeitsplatzsicherung eingeführt. Daten des Europäischen Instituts für Gleichstellungsfragen (EIGE) zeigen, dass die Schließung der geschlechtsspezifischen Beschäftigungslücke die allgemeine Erwerbsquote in der EU bis 2050 auf 80 % erhöhen könnte.
Gleiche Führung: Repräsentation in Politik und Wirtschaft
Trotz eines Anteils von über 50 % an der EU-Bevölkerung sind Frauen in Machtpositionen unterrepräsentiert. Nur ein Drittel der nationalen Parlamentarier sind Frauen, und auch in Unternehmensführungen mangelt es an Geschlechterparität. Die Richtlinie „Frauen in Aufsichtsräten“ wird derzeit umgesetzt, um Geschlechterquoten in großen Unternehmen durchzusetzen, unterstützt durch Mentoring-Programme, Initiativen zur Förderung von Unternehmertum und gezielte Förderung von Frauen in MINT-Bereichen.
Gender Mainstreaming: Von der Politik zur Praxis
Die EU-Strategie zur Integration der Geschlechterperspektive in alle Politikbereiche – das sogenannte Gender Mainstreaming – wurde weiter gestärkt. Zu den wichtigsten Entwicklungen gehören:
- Der AI Act, der manipulative KI-Systeme verbietet, die geschlechtsspezifische Gewalt ermöglichen könnten, und Transparenz für synthetische Inhalte wie Deepfakes verlangt.
- Das Gesetz über digitale Dienste (DSA), das Online-Plattformen verpflichtet, systemische Risiken wie Cybermobbing, Stalking und das Teilen nicht einvernehmlicher Bilder zu bewerten und zu mindern.
Online-Gewalt, insbesondere gegen Frauen in öffentlichen Rollen, bleibt ein wachsendes Problem. Große Plattformen für Erwachseneninhalte wurden als „Sehr große Online-Plattformen“ (VLOPs) eingestuft und müssen ihre Moderationspraktiken und Risikominderungsstrategien offenlegen. Zudem entwickelt das EIGE Messrahmen, um Cybergewalt in den Mitgliedstaaten einheitlich zu erfassen – ein wichtiges Instrument für die Gestaltung und Überprüfung von Politiken.
Globale Perspektive: Das externe Engagement der EU für Geschlechtergleichstellung
Über ihre Grenzen hinaus fördert die EU aktiv die Gleichstellung der Geschlechter durch diplomatische Bemühungen, Entwicklungshilfe und humanitäre Unterstützung, mit besonderem Fokus auf Frauen und Kinder in Konfliktgebieten. Das Engagement der EU für das Übereinkommen von Istanbul sowie ihre Beteiligung an globalen Partnerschaften zeigen ihren Willen, weltweit gegen Menschenhandel, Gewalt und wirtschaftliche Ausgrenzung vorzugehen.
GEDIS: Geschlechtervielfalt ins Klassenzimmer bringen
Während der Gender Equality Report 2025 der Europäischen Kommission ehrgeizige Strategien beschreibt, setzen Projekte wie GEDIS – Geschlechtervielfalt in der Informationswissenschaft diese Politiken konkret um. Im Bereich der Bibliotheks- und Informationswissenschaften (LIS), der in geschlechterpolitischen Debatten oft übersehen wird, integriert GEDIS aktiv Genderperspektiven in Bildung, Forschung und Berufspraxis.
Indem GEDIS seine Ziele an der Gleichstellungsstrategie der EU 2020–2025 ausrichtet, fungiert es als Mikrokosmos politischer Umsetzung. Es erinnert uns daran, dass Gleichstellung nicht nur Gesetzgebung bedeutet – sondern auch die Veränderung von Denkweisen, die Ausbildung zukünftiger Führungskräfte und die Beteiligung aller gesellschaftlichen Bereiche. Durch Bildung geht GEDIS direkt an die Wurzel von Ungleichheit und dient als lebendiges Labor der EU-Gleichstellungsvision. Es bereitet nicht nur die nächste Generation von Informationsfachleuten vor, sondern definiert auch, wie eine geschlechterinklusive Wissenschaft im 21. Jahrhundert aussehen sollte.
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