Erkenntnisse des Gleichstellungsindex 2025 für die Erwachsenenbildung und die Bibliotheks- und Informationswissenschaft (LIS) 

Das Factsheet zum Gender Equality Index 2025 des Europäischen Instituts für Gleichstellungsfragen (EIGE) liefert eine indikatorengestützte Momentaufnahme der Geschlechtergleichstellung innerhalb der Europäischen Union (EU). Für Fachkräfte der Erwachsenenbildung ist der Bericht besonders praxisrelevant: Er verdeutlicht, wie Gleichstellung mit Erwerbsbeteiligung, wirtschaftlicher Sicherheit, zeitlicher Flexibilität, Entscheidungsprozessen, Gesundheit und sozialen Normen verknüpft ist. 

All diese Faktoren beeinflussen unmittelbar die Bildungschancen von Erwachsenen – sowohl beim informellen Lernen als auch in der beruflichen Weiterbildung. Für das Projekt GEDIS (Gender Diversity in Information Science) bietet das Factsheet eine solide empirische Basis für Informations‑ und Lehrmaterial. In der Bibliotheks‑ und Informationswissenschaft (Library and Information Science, LIS) können die Daten in Open Educational Resources (OER), Richtlinien für Mitarbeitende und Curricula integriert und so vermittelt werden. 

Der Gesamtindex bewertet die Gleichstellung in der EU für das Jahr 2025 mit 63,4 von 100 Punkten. Laut EIGE ist der Wert damit seit 2010 um 10,5 Punkte, bzw. um +7,4 Punkte seit 2015 und um +3,5 Punkte seit 2020 angestiegen. Die Autor:innen des Factsheets merken jedoch an, dass bei diesem Tempo die vollständige Gleichstellung der Geschlechter erst in ca. fünfzig Jahren erreicht werden kann.  

Für EPALE und GEDIS ist diese Erkenntnis doppelt bedeutsam: Der Fortschritt ist messbar, aber zu langsam, um auf einen „natürlichen“ Wandel zu vertrauen. Bildungs‑ und Informationseinrichtungen müssen daher Gleichstellungsentwicklungen mit klaren Lernergebnissen, messbaren Indikatoren und kontinuierlichen Verbesserungsprozessen beschleunigen. 

Zusammenfassende Darstellung der Ergebnisse des Gleichstellungsindex 2025

Genauere Betrachtung der einzelnen Untersuchungsfelder 

Innerhalb der einzelnen Felder zeigt sich ein gemischtes Bild. Gesundheit erzielt mit 86,2 den höchsten Indexwert, stagniert jedoch seit 2020. Finanzielles (73,9) und Arbeit (69,3) schneiden ebenfalls gut ab, während zeitliche Flexibilität (65,0) und Bildungsgrad (57,4) strukturelle Ungleichheiten offenbaren – vor allem wegen unbezahlter Care‑Arbeit und geringerer Bildungschancen. Macht bleibt mit 40,5 das schwächste Feld, verzeichnet jedoch die größten Zuwächse seit 2020 (+ 9,0 Punkte). 

Damit wird deutlich, dass gezielte politische Maßnahmen die Repräsentation von Frauen in Führungspositionen erhöhen, der Abbau alltäglicher Einschränkungen – wie unbezahlte Sorgearbeit und Bildungsungleichheiten – jedoch langsamer verläuft und nachhaltige Interventionen erfordert. 

Arbeit und Finanzielles 

Indikatoren zu Arbeit und Finanzielles sind für die Erwachsenenbildung und Beschäftigungsstrategien besonders relevant. Die vollzeitäquivalente Beschäftigungsquote liegt bei 44 % für Frauen und 59 % für Männer; die Erwerbslebensdauer beträgt 35 Jahre (Frauen) bzw. 39 Jahre (Männer). Frauen stellen nur ≈ 20 % der IKT‑Fachkräfte und 35 % der Führungspositionen. 28 % der Frauen arbeiten im Niedriglohnsektor, gegenüber 16 % der Männer. 

Im Bereich Finanzielles vergrößert sich die Ungleichheit über den Lebensverlauf hinweg: Der Medianverdienst von Frauen liegt bei 23 000 KKS, der von Männern bei 29 960 KKS. Die geschlechtsspezifische Rentenlücke beträgt 25 %. In heterosexuellen Paarhaushalten verdienen Frauen 70 % des Einkommens ihrer Partner:innen, während Männer im Schnitt 152 % des Einkommens ihrer Partnerinnen erzielen – ein Hinweis auf asymmetrische Abhängigkeitsrisiken. 

Für EPALE stützen diese Zahlen Lernansätze, die strukturelle Unterstützungsangebote (Beratungsangebote, Anerkennung informell erworbener Kompetenzen, Einstiegshilfen in andere Sektoren) einbeziehen. Für GEDIS bilden sie die inhaltliche Grundlage von OER, die Transparenz von Karrierewegen, Bezahlung und Beförderungsprozessen betonen. 

Bildungsgrad und zeitliche Flexibilität 

Der Vergleich von Bildungsgrad und zeitlicher Flexibilität verdeutlicht unterschiedliche Hürden für Frauen und Männer. 50 % der Frauen im Alter von 30–34 Jahren besitzen einen tertiären Abschluss, gegenüber 39 % der Männer. Frauen dominieren jedoch in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Soziales und Geistes‑/Kulturwissenschaften (75 % der Absolvent:innen), während sie in MINT‑Fächern mit 34 % unterrepräsentiert sind. In Berufsausbildungen liegt der Frauenanteil bei 27 %, bei Männern bei 34 %

Zeitliche Einschränkungen bleiben ein entscheidender Faktor für die Erwachsenenbildung: 59 % der Frauen arbeiten täglich im Haushalt, gegenüber 33 % der Männer. In Haushalten mit Kindern (0‑11 Jahre) verbringen 41 % der Mütter, jedoch nur 20 % der Väter mehr als fünf Stunden täglich mit Kinderbetreuung. Männer verfügen im Schnitt mit 43 Stunden über 13 Stunden mehr wöchentliche Freizeit als Frauen. 

EPALE kann daraus flexible Lernangebote ableiten (asynchrones Lernen, modulare Micro‑Credentials, unterstützendes Tutoring). GEDIS sollte diese zeitlichen Belastungen explizit in die Entwicklung von OER und Curricula einfließen lassen. 

Macht und Gesundheit 

Die Indikatoren zu Macht und Gesundheit zeigen, dass kulturelle Entwicklungen hin zu mehr Gleichstellung institutionelle Reformen benötigen. 35 % der Minister:innen in der EU und 33 % der nationalen Parlamentsmitglieder sind Frauen; im EU‑Parlament liegt der Anteil nach den Europawahlen 2024 bei 39 %

Frauen besetzen 34 % der Aufsichtsräte großer börsennotierter Unternehmen und 23 % der Spitzenpositionen nationaler olympischer Sportorganisationen. 

Im Gesundheitsbereich geben 66 % aller Frauen in der EU an, guter oder sehr guter Gesundheit zu sein, gegenüber 71 % der Männer. In der Altersgruppe 65+ sinkt dieser Wert auf 44 % (Frauen) bzw. 50 % (Männer). Gesundheit beeinflusst Partizipationsmöglichkeiten und Durchhaltevermögen –  ein relevanter Faktor für die Zusammensetzung von Leitungsgremien und damit für politische Prioritätensetzung, Ressourcenverteilung und Verantwortungsübernahme. 

Gewalt und Stereotype 

Das Factsheet hebt zudem die Rolle von Gewalt und Stereotypen hervor, die Lernumgebungen und Informationssysteme direkt beeinflussen. 31 % der Frauen haben seit dem 15. Lebensjahr körperliche und/oder sexuelle Gewalt erlebt; 57 % berichten von gesundheitlichen Folgen. Von denjenigen, die in den letzten 12 Monaten von Gewalt betroffen waren, haben 31 % die Erlebnisse für sich behalten. 

Stereotype sind nach wie vor verbreitet: 33 % der Frauen und 42 % der Männer stimmen zu, dass Mütter bei unzureichenden Betreuungsangeboten zu Hause bleiben und Väter arbeiten sollten. 26 % der Frauen und 46 % der Männer halten es für akzeptabel, dass ein Ehemann die Finanzen seiner Ehefrau kontrolliert. 

Für GEDIS und EPALE verdeutlichen diese Ergebnisse die Notwendigkeit sicherer, inklusiver Lernsettings und einer kritischen Informationskompetenz, die schädliche Normen hinterfragt, digitale Sicherheit fördert und das Rechtebewusstsein stärkt. 

Fazit 

Das Factsheet zum Gender Equality Index 2025 liefert eine klare, evidenzbasierte Grundlage für die Entwicklung von Bildungsangeboten, die mit den Zielen des GEDIS‑Projekts im Einklang stehen: Gender als maßgeblichen Faktor zu erkennen und in die Konzeption von Kompetenzen, messbaren Lernergebnissen und institutionellen Praktiken zu integrieren. Ziel ist es, Barrieren für Partizipation, Fortschritt und Führungsbeteiligung abzubauen – insbesondere für erwachsene Lernende, die unter Zeitmangel, wirtschaftlicher Unsicherheit und ungleichen sozialen Erwartungen leiden. 

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